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Rückblick

Projektbericht

Die Blaue Zone .. Älter werden und so“

Juli 2017 in Hannover

Zwei intensive Wochen
„Die Blaue Zone“ – Ein Kulturcamp vom bis 17. Juli bis zum 30. Juli 2017 für Ältere, in dem es ausreichend Zeit und Anregungen gab, sich mit dem Älterwerden zu beschäftigen. In dem Wohnen, Körperlichkeit, Kunst und Kultur, Bewegung und Tanzen und ein gutes Miteinander eine prägende Rolle spielten. Ein Sommercamp mit gutem Essen, Musik, Beieinandersitzen am Lagerfeuer und nächtlichem Wilden Tanzen. Ein Kulturcamp für Ältere mit dem hintersinnigen Titel „Die Blaue Zone“, der auf die weltweiten blauen Zonen anspielte, in denen Menschen besonders lange und glücklich leben. Zwei gelungene, glücklich machende, vernetzende, zugewandte Wochen, in denen über 350 Menschen sich intensiv und individuell mit ihren Vorstellungen vom Alter auseinandersetzten.

Jeder Morgen im Camp startete mit Bewegung im Freien, einem kostenlosen Angebot der AOK im Stadtraum, das täglich mehr Menschen anzog. Jeder Tag endete mit einem Essen auf dem Platz oder einer der Terrassen des Campgeländes. Kreiert wurden die Speisen von der Kochgruppe, die eigentlich geplant hatte, in kleiner Workshop-Runde beschaulich zu köcheln und dann zum Großverpfleger wurde, da einfach so viele Leute kamen.

Vorbereitung
Ein Jahr Vorbereitungszeit ist der Blauen Zone vorangegangen. Das Projektteam fand sich in Küchen- und Partygesprächen, bei denen wir das gemeinsame lebendige Interesse an den gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen des Älterwerdens entdeckten. Daraus wurde ein Team mit Dörte Redmann vom Verein für Sport, Kultur und Soziale Arbeit/Spokusa e.V. und Hanne Bangert und Susanne Müller-Jantsch aus dem Kulturzentrum Pavillon. Hinzu kam Pia Tigges als freie Mitarbeiterin, die vom Projekt gehört hatte und sich initiativ bewarb.
Das Viererteam versammelte schon früh eine Gruppe von Älteren, mit der Themen und mögliche Programmpunkte erörtert wurden. So verwarfen wir Ideen, die kritischer Expertise nicht standhielten und konnten aus diesem Expert*innenteam auch einige der Workshopleitungen besetzen.
Eine wichtige Entscheidung war es, den Bau des Camps zwei jungen Architekten vom Platzprojekt zu überlassen. Benjamin Grudzinski und Robin Hönig haben monatelang mit uns gemeinsam überlegt, wie sich der Charakter der „Blauen Zone“ in einer temporären Architektur zeigen kann. Dass wir vier vom Projektteam nicht immer wussten, wohin die Gedanken der beiden Planer wandern würden, war spannend – manchmal auch schlafraubend, denn der Beginn des Camps rückte immer näher, die Gelder wurden knapper und die beiden Architekten verwarfen einen Plan nach dem anderen. Irgendwann haben wir den Sprung in das Vertrauen gewagt und beschlossen, uns auf das Programm zu konzentrieren und uns darauf zu verlassen, dass wir am Ende eine passende Camparchitektur haben würden.

Programm und Atmosphäre
Und ja, es war passend, wir entdeckten das Wasser des großen Brunnen wieder, das zwar immer schon da war, durch die Architektur der ins Wasser hineinragenden Terrassen aber wieder erlebbar wurde.

Erst waren wir noch besorgt über unser überbordendes Programmangebot, das dank der vielen Mitwirkenden 20 Workshops und 20 Veranstaltungen in vierzehn Tagen umfasste. Wer sollte das alles besuchen? War die Altersgruppe überhaupt willens, den Weg zum sonst unbehausten Andreas-Hermes-Platz zu nehmen und sich einzulassen auf ein sie forderndes und die Gemeinschaft förderndes Miteinander?
Und ja – sie wollten, nach den ersten Tagen wussten wir, „Die Blaue Zone“ wird angenommen. Es gab eine Gruppe von Menschen die täglich ab halb neun im Camp waren, ob die Sonne schien oder es kleine Hunde regnete. Sie fanden es wunderbar eine Art „Feriencamp mal für uns“ zu haben, Einen zwanglosen, lässigen Ort um sich künstlerisch auszuprobieren und zu experimentierten, zu philosophieren, sich zu streiten und sich intensiv einzubringen. Einen Ort wo man in Windeseile zwanglos ins Gespräch kam, geplaudert werden konnte, gelacht und geweint. Da sein, am Rand oder mittendrin. Das Offene Atelier, das von Stefan Stettner mit charmanter Energie täglich angeleitet wurde, war flankiert von feinsinnigen kürzeren Workshops.
Studierende der Universität Hildesheim hatten sich einen wundervollen Themenstrauß ersonnen, Körperlichkeit und Schönheit im Alter wurde künstlerisch erforscht. Es galt Graffitis zu sprühen, vermummt vor der Staffelei, (und das war ein Bild das neue Klischees weckt) Ausdrucksmalen zum Leben, Sterben, Tod, Leben und endlose Schönheit, begleitet von den Gitarrenklängen der Guitar-Heroes. Ach die Musik, wir waren bezaubert von Steve Simpson und seinen Heroen. Holger Kirleis komponierte mit einer Gruppe ganz neue Klänge, es gab Konzerte, geplante und spontane, wir haben blau gemacht und theatergespielt und tolle Stücke gesehen, tänzerisch improvisiert und slow gedatet. Wir haben aus geschreddertem Papier und alten Klamotten hinreißende Kostüme mit Ulla Nentwig entworfen und gestaltet, Gemüse und Früchte aus den Gärten, Blumensträuße und Kräuterbunde, Stoffe aus Afrika, Bücher und noch mehr Ideen, von denen auch die Leute profitierten, die mal rein schneiten und an einer Veranstaltung teilnehmen wollten.

Austausch und Fortsetzung
Eine Pinnwand zum Austausch von Fertigkeiten und Angeboten entstand, ein Tauschtisch für Bücher. Pia Tigges hatte mittwochs für den Markt des Weisen Wissens geladen, ein Tummelplatz interessanter Informationen vom Reisen allein als Frau im reifen Alter bis zum Studieren, Angeboten für Ältere Migrant*innen und Sozial Leistungen war vieles von Belang vertreten. Und es wurde umgestellt, je nach Bedürfnis der Platz gestaltet, tatkräftig unterstützt von den Praktikant*innen und Bundesfreiwilligen und Techniker*innen aus dem Pavillon, und nachts war zum Glück Matthias Dohmeyer alias Domino da, denn es war so cool, das auch die Nachtschwärmer gern geblieben wären oder die gelben Sitzmöbel in der Stadt verteilt gewesen wären. Es war ein Summen im Pavillon, dem workshop e.V. und auf dem Platz, das weiterwirkt:

Die Wohnprojektgruppe zum Thema „Wie will ich im Alter wohnen?“ wuchs auf 70 Personen an. Nach dem Projekt trifft sich jetzt eine Gruppe von über zwanzig Personen weiterhin. Das offene Atelier geht weiter, eines der Herzstücke des Programmes, als Anlaufstelle für die zufälligen und suchenden Besucher*innen. Die Tanzimpro-visationsgruppe hat sich für ein Wochenende im Januar verabredet. Die Kochgruppe wird sich nun in Ruhe und in kleiner Runde treffen, um sich gemeinsam kochend zu belohnen.
Die „Blaue Zone“ war also nachhaltig wirksam. Wir haben mit der gemeinsamen Beschäftigung mit dem Alter eine Gruppe von Menschen angesprochen, die anders als alle Generationen vor ihnen, vor einer langen und aktiven Zeit des Ruhestands und des Alters stehen. Diese Zeit will gestaltet sein. Mit der „Blauen Zone“ konnten wir starke Impulse setzen, die nachwirken. Bevor es die nächste Blaue Zone in zwei Jahren geben wird, laden wir zu kleineren Zusammenkünften ein, dem „Blauen Brunch“ oder dem „Blauen Dinner“, wir pflegen einen newsletter und ermutigen die Besucher*innen zur gegenseitigen Vernetzung. Schon beim ersten „Blauen Brunch“ zu dem wir im September als Nachtreffen zur „Blauen Zone“ einluden, kamen 70 Personen. Alle brachten etwas für das gemeinsame Buffet mit. Wir schauten Fotos und trafen weitere Verabredungen. Im November 2017 gab es dann das „Blaue Dinner“ bei Spokusa e.V. Diese Netzwerktreffen findet seither in unregelmäßigen Abständen statt.

Finanzen und Partner*innen
Die Blaue Zone wurde finanziert durch Zuschüsse aus dem Fonds Soziokultur, der Soziokulturförderung des Landes Niedersachsen/ LAGS Niedersachsen, des Niedersächsischen Landesamtes für Soziales, dem Fachbereich Senioren und speziell für die Tanzresidenz des Kulturbüros/Städtepartnerschaften der Landeshauptstadt Hannover, der Stadt Rouen und durch Antenne Métropole.

Wir waren sehr erfreut über den großen Zuspruch und über die menschliche Nähe und Wärme, die alle im Projekt erfahren haben. Dass es so gut angenommen wurde, liegt an verschiedenen Faktoren:

  • dem passgenauen Angebot für die Zielgruppe
  • der intensiven gemeinsamen Vorbereitung mit Vertreter*innen der Zielgruppe, die wir zu einigen Planungsterminen eingeladen hatten. Das waren: Martin Kunze, Atieh Sajadi, Cecily Hermel-Atherley, Dorit Klüver, Cristina Banca, Monia Stadtmüller, Brigitte Thome-Bode, Sarah Kuschel. Silke Boerma, Burkhard Scheller, Ingrid Wagemann.
  • an der Zusammenarbeit von Spokusa e.V. und BI, in die beide Einrichtungen ihre jeweiligen Kompetenzen einbringen konnten, beide Partner haben eine breite Besucher*innenbasis im entsprechenden Alter
  • die hervorragende Zusammenarbeit im vierköpfigen Projektteam
  • die vielen weiteren Partner*innen, die aus ihrem Kontext Wissen einbrachten und weitere Teilnehmer*innen akquirierten. Das waren: die AOK Hannover, der Fachbereich Senioren der Landeshauptstadt Hannover, der Seniorenbeirat der Stadt Hannover, die Johanniter Unfallhilfe, der Filmpreis der Generationen, die Universität Hildesheim, die Fortbildung Kulturgeragogik der Bundesakademie Wolfenbüttel und die LAGS Beratung

Wir geben gerne unsere gemachten Erfahrungen weiter.

Susanne Müller-Jantsch, Hanne Bangert, Dörte Redmann September 2017
info@die-blaue-.zone.de